ZWEI TAGE, EINE NACHT | Deux jours, une nuit
Filmische Qualität:   
Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne
Darsteller: Marion Cotillard, Fabrizio Rongione, Pili Groyne, Simon Caudry, Catherine Salée, Baptiste Sornin, Olivier Gourmet
Land, Jahr: Belgien, Frankreich, Italien 2014
Laufzeit: 95 Minuten
Genre: Dramen
Publikum: ab 16 Jahren
Einschränkungen: --
im Kino: 10/2014
Auf DVD: 2/2015


José Garcia
Foto: Alamode

Die Filme der belgischen Regisseur-Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne handeln von authentischen Menschen aus einfachen Verhältnissen, so etwa „Rosetta“ (1999), „Der Sohn“ (2002) oder „L’enfant“ (2005). Meistens sind sie mit Laiendarstellern oder weniger bekannten Schauspielern besetzt, was das Dokumentarische betont. Bereits in ihrem letzten Film „Der Junge mit dem Fahrrad“ (siehe Filmarchiv) spielte allerdings mit Cécile de France eine bekannte Schauspielerin mit. Dennoch behielten die Dardenne-Brüder die halbdokumentarische Anmutung sowie eine sehr unmittelbare Handkamera und ein elliptisches Erzählen bei. All diese Elemente kennzeichnen ebenfalls ihren neuen Spielfilm „Zwei Tage, eine Nacht“, in dem erneut eine berühmte Darstellerin die Hauptrolle übernommen hat.

Oscar-Preisträgerin Marion Cotillard verkörpert die Fabrikarbeiterin Sandra. Der Betrieb, in dem sie arbeitet, muss offenkundig Kosten einsparen, so dass der Chef die Belegschaft vor die Alternative stellt: Entweder wird das Personal von 18 auf 17 reduziert oder alle verzichten auf die Jahresbonuszahlung in Höhe von jeweils 1000 Euro. Der einzusparende Arbeitsplatz steht auch schon fest. Weil Sandra in der jüngsten Vergangenheit an Depressionen litt, ist nicht klar, ob sie überhaupt in der Lage ist, wieder normal zu arbeiten. Eine Abstimmung hat bereits am Freitag stattgefunden: Außer den mit ihr befreundeten Juliette (Catherine Salée) und Robert (Gianni La Roca) haben sich alle anderen für die Bonuszahlung entschieden. Juliette gelingt es, Sandra zu überreden, den Chef noch einmal vor dem Wochenende anzusprechen. Der willigt ein, die Abstimmung am Montag zu wiederholen. Sandra bleiben also zwei Tage Zeit, um die restlichen 14 Kolleginnen und Kollegen aufzusuchen und sie umzustimmen.

Mit Hilfe ihres Mannes Manu (Fabrizio Rongione), der seine noch labile Frau zu den Kollegen teilweise fast schleppen muss, macht sie sich auf den Weg. Die meisten Antworten, die sie bekommt, entmutigen sie. Die anderen brauchen dieses Geld für dringende Dinge. Eine vermeintliche Freundin macht ihr nicht einmal die Tür auf. Sie erfährt aber auch Ermutigung, wenn jemand verspricht, für sie abzustimmen. Zum Filmsujet führt Jean-Pierre Dardenne aus: „In der Arbeitswelt stößt man täglich, sei es in Belgien oder anderswo, auf zahlreiche Fälle, die deutlich machen, dass Leistungsfähigkeit zu einer wahren Obsession geworden ist. Die Beschäftigten werden dabei häufig in einen brutalen Konkurrenzkampf gezwungen.“ Sandra kann keinem übelnehmen, dass sie sich „gegen sie“ entscheiden. Denn für keinen der Befragten sind die 1000 Euro so etwas wie ein Luxus. Außerdem: Kann sie wissen, wie sie reagiert hätte, wenn sie vor die Wahl gestellt worden wäre?

Obwohl Kameramann Alain Marcoen, der in „Zwei Tage, eine Nacht“ bereits zum siebten Mal mit den Dardenne-Brüdern zusammenarbeitet, durch den geschickten Einsatz der Handkamera und durch die Nähe an den Figuren einen halbdokumentarischen Charakter erzeugt, strahlt der neue Dardenne-Film eine ganz besondere Spannung aus. Sie entsteht daraus, dass die unterschiedlichen Kolleginnen und Kollegen auch immer wieder anders reagieren, und natürlich insbesondere aus der Frage, wie nun am Montag die neue Abstimmung ausgehen wird.

Dabei sind die jeweiligen Szenen einerseits minimalistisch angelegt. In „Zwei Tage, eine Nacht“ wird kein Wort zu viel gesprochen. Die Filmsprache des Dardenne-Regieduos nimmt sich konzentrierter denn je aus. Andererseits bauen die Drehbuchautoren und Regisseure Jean-Pierre und Luc Dardenne eine so richtig getimte Dramaturgie auf, dass die eigentlich immer gleichen Szenen (Sandra sucht einen Kollegen oder eine Kollegin auf, fragt danach, ob er oder sie für sich stimmen wird, und bekommt eine Antwort) keineswegs ermüden. Einer der Stärken von „Zwei Tage, eine Nacht“ liegt darin, dass der Film kein Urteil über diese Figuren fällt. Dazu sagt Luc Dardenne: „Die Arbeiter in ‚Zwei Tage, eine Nacht’ befinden sich in einer Situation, die durch permanenten Konkurrenzdruck und Rivalität gekennzeichnet ist. Es kann daher nicht die Rede davon sein, dass auf der einen Seite die Guten und auf der anderen die Bösen stünden. Es ist überhaupt nicht unsere Art, so die Welt zu sehen.“

Marion Cotillard gelingt es, Sandra als unsichere Frau aus der Arbeiterschicht überzeugend darzustellen – eine Rolle, die gegensätzlicher kaum sein könnte als etwa die von ihr verkörperte Adriana in Woody Allens „Midnight in Paris“ (2011) – und sich in das Filmensemble, in die Dardenne-Welt einzufügen.

Über das eigentliche Filmsujet hinaus gewährt „Zwei Tage, eine Nacht“ auch einen Einblick in das (Wochenend-)Leben in einer mitteleuropäischen Kleinstadt. Denn im Unterschied zu den Figuren ihrer früheren Filme, die eher am Rand der Gesellschaft standen, kommen die Charaktere von „Zwei Tage, eine Nacht“ aus der Mitte der Gesellschaft. Ob die einen Sport treiben, am eigenen Hause bauen, sich etwas hinzuverdienen... Jeder tut etwas für sich. In einer individualistischen, von ökonomischen Gesichtspunkten diktierten, hart umkämpften Lebenswelt bleibt die vielbeschworene Solidarität der Arbeiterklasse auf der Strecke. Umso nachdrücklicher treffen Jean-Pierre und Luc Dardenne in „Zwei Tage, eine Nacht“ mit ihrem Gesellschaftsporträt den Zeitgeist.
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