Aktuelle Filmkritiken
EINMAL BITTE ALLES
Die Zeiten, in denen auf Ausbildung oder Studium ein halbwegs gesichertes Arbeitsverhältnis folgte, sind längst vorbei. Heute muss in den meisten Berufen zunächst einmal mindestens ein Praktikum absolviert werden, ehe sich die Chance auf eine feste Arbeitsanstellung überhaupt eröffnet. Deshalb spricht man von "Generation Praktikum" — Menschen, die sich mehr oder minder schnell auf die Dreißig zubewegen, die aber ihren Platz im Leben noch nicht richtig gefunden haben. Die Kehrseite der Medaille: Nicht nur von einer "Midlifecrisis" ist die Rede, sondern auch schon von einer "Quarter-Life-Crisis".

In einer solchen "Viertelleben"-Krise befindet sich Isabel, die alle nur Isi (Luise Heyer) nennen, im Spielfilm "Einmal bitte alles" von Regisseurin Helena Hufnagel und ihren Mit-Drehbuchautorinnen Sina Flammang und Madeleine Fricke. Die 27-Jährige schaffte zwar das Grafikdiplom. Dies hat jedoch bislang nur dazu geführt, dass sie als Verlagspraktikantin ihrer Chefin Frau Finsterwalder (Sunnyi Melles) den Kaffee bringen darf. Ihre Eltern meckern außerdem an ihrem Lebensentwurf herum. Isi möchte Illustratorin werden und damit ihren Traum von einer erfolgreichen Karriere verwirklichen. Sie hat angefangen, eine Graphic Novel zu F. Scott Fitzgeralds Roman "Die Schönen und Verdammten" (1922) zu zeichnen, aus dem immer wieder Passagen aus dem Off von der Schauspielerin Jessica Schwarz vorgetragen werden.

Ohne ihre beste Freundin [mehr]

Text: José García
Foto: filmschaft maas & füllmich GmbH
UNERWARTETE GLÜCK DER FAMILIE PAYAN, DAS
Ich wusste gar nicht, dass Omas schwanger werden dürfen." In Nadege Loiseaus Regiedebüt "Das unerwartete Glück der Familie Payan" kommt die Bemerkung zwar aus dem Mund der erst sechsjährigen Zoe (Stella Fenouillet). Sie hätte aber genauso gut von ihrer Großmutter Nicole Payan (Karin Viard) kommen können. Denn auf die Feststellung ihres Gynäkologen reagiert die 49-Jährige völlig fassungslos. Eigentlich hatte sie ihren Arzt Dr. Gentil (Grégoire Bonnet) aufgesucht, weil sie hinter den körperlichen Veränderungen Wechseljahresbeschwerden vermutete.

Das fehlte Nicole noch! Ungewollt schwanger wurde sie schon einmal, vor mehr als dreißig Jahren. Da war sie erst fünfzehn Jahre alt. Inzwischen dient ihr Ältester Vincent (Raphael Ferret) als Koch in einem U-Boot. Zu Beginn des Spielfilmes will ihn die Familie verabschieden, da er für mehrere Monate in See sticht. Die Anfangssequenz verdeutlicht, was für eine chaotische Familie Nicole hat: Obwohl sie für den Anlass ein besonderes, zitronengelbes Kleid angezogen hat, kommt ihr Mann Jean-Pierre (Philippe Rebbot) wie üblich viel zu spät nach Hause. Und der steckt auch noch im Trainingsanzug, obwohl sie längst unterwegs sein sollten. Nicole muss wieder einmal alles selbst tun, ihre zerbrechliche und teils verwirrte Mutter Mamilette (Hélene Vincent) transportfertig machen, ihre quirlige Enkelin Zoe davon überzeugen, dass sie nicht zu [mehr]

Text: José García
Foto: Wild Bunch
GESCHICHTE DER LIEBE, DIE
Der 2005 veröffentlichte Roman der amerikanischen Schriftstellerin Nicole Krauss "Die Geschichte der Liebe" ("The History of Love") erzählt eine Liebesgeschichte auf verschiedenen Ebenen. Zu den zwei, eigentlich drei Zeitebenen kommt noch eine komplexe Erzählstruktur hinzu, weil "Die Geschichte der Liebe" der Titel eines Buchmanuskripts ist, das der polnische Jude Léo Gursky in den 1930er Jahren für seine große Liebe Alma Mereminski verfasste, und von dem er fälschlicherweise glaubt, es sei verloren gegangen. Etliche Jahrzehnte später erhält eine Übersetzerin in New York den Auftrag, den Roman "Historia del Amor" aus dem Spanischen ins Englische zu übersetzen. Irgendwann einmal stellt es sich heraus, dass dieses vor Jahren auf Spanisch erschienene Buch eine in Chile angefertigte Übersetzung eben des Romanmanuskripts von Léo Gursky ist.

Der rumänische Regisseur Radu Mihaileanu, der vor mehr als zehn Jahren mit dem sich ebenfalls über einen langen Zeitraum erstreckenden Spielfilm "Geh und lebe" ("Va, vis et deviens", siehe Filmarchiv) bekannt wurde, hat zusammen mit seiner Mit-Autorin Marcia Romano den mehrere miteinander verwobene Handlungsstränge erzählenden Roman für die große Leinwand adaptiert. Zum Prozess der Filmadaption führt Radu Mihaileanu aus: "Wie lässt sich eine filmische Sprache für die komplexe Erzählstruktur des Romans finden? Im Hinblick auf die Drehbuchentwicklung war [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Prokino
BEGABT - DIE GLEICHUNG EINES LEBENS
Die siebenjährige Mary (Mckenna Grace) wächst bei ihrem Onkel Frank (Chris Evans) in einem Küstenstädtchen in Florida wohlbehütet auf. Frank hat sich offensichtlich hierher zurückgezogen, wo er Bootsmotoren repariert. Bei der Erziehung des quirligen Kindes hilft Frank die herzensgute Nachbarin Roberta (Octavia Spencer) gerne, die Mary ins Herz geschlossen hat. Frank besteht darauf, dass seine Nichte eine ganz normale Schule besucht, um unter Gleichaltrigen Freunde zu finden. Natürlich weiß Frank von der besonderen Mathematik-Begabung seiner Nichte. Deshalb wirkt er auch nicht sonderlich überrascht, als Marys Lehrerin Bonnie (Jenny Slate) die Begabung des Kindes entdeckt. Obwohl Lehrerin und Schuldirektorin beteuern, dass sie das Kind in ihrer Schule nicht adäquat fördern können, weshalb sie Mary an eine Privatschule für Hochbegabte überweisen wollen, sperrt sich Frank gegen dieses Vorhaben entschieden.

Drehbuchautor Tom Flynn und Regisseur Marc Webb enthüllen in ihrem Spielfilm "Begabt - Die Gleichung eines Lebens" ("Gifted") Franks Beweggründe erst nach und nach. Bereits Marys Großmutter Evelyn (Lindsay Duncan) hatte an der Universität Mathematik studiert, gab aber ihre akademische Karriere für die Familie auf. Diese Karriere sollte deshalb ihre Tochter, Franks Schwester und Marys Mutter, einschlagen. Sie zerbrach jedoch an den hohen Erwartungen, und nahm sich das Leben, als Mary noch ein Baby [mehr]

Text: José Garcia
Foto: 20th Century Fox
ZUM VERWECHSELN ÄHNLICH
"Er hat Deine Augen", sagt Paul (Lucien Jean-Baptiste) zu seiner Frau Sali (Aissa Maiga). Endlich hat ihnen die staatliche Adoptionsstelle ein Kind vermittelt. Benjamin ist ein ganz munterer Junge. Paul und Sali sind begeistert. Allerdings ist Benjamin weiß. Dass weiße Eltern ein schwarzes Kind adoptieren, kommt inzwischen relativ häufig vor. Aber umgekehrt? Für Sali und Paul ist dies überhaupt kein Problem. Wie reagiert jedoch die Umgebung? Da ist zunächst Salis aus dem Senegal stammende, Traditionen wahrende Familie. Ihr Vater Ousmane (Bass Dhem) ignoriert das Kind, ihre Mutter Mamita (Marie-Philomene Nga) fällt sogar in eine Depression. Als Sali von der Kinderärztin und von Kindermädchen auf dem Spielplatz für eine "Nanny" gehalten wird, müssen sie zugeben, dass die Welt doch nicht so liberal ist, wie es den Anschein hat. Selbst die sie betreuende Mitarbeiterin der Adoptionsstelle, Madame Mallet (Zabou Breitman), bekommt Zweifel, ob es die richtige Entscheidung war, ihnen Benjamin zu vermitteln. Als eine babysittende Freundin ohne Aufenthaltserlaubnis von der Polizei mit dem Baby aufgegriffen wird, eskaliert die Situation.

"Zum Verwechseln ähnlich" handelt nicht so sehr von einer Adoption. Der Zuschauer braucht nur das Leuchten in den Augen von Paul und Sali zu sehen, als sie das erste Mal Benjamin in den Armen [mehr]

Text: José García
Foto: Neue Visionen
BERLIN FALLING
Frank (Ken Duken) wacht am frühen Nachmittag durch einen Anruf auf. Seine Ex-Frau Claudia (Marisa Leonie Bach) erinnert ihn daran, dass er das Wochenende mit der gemeinsamen Tochter verbringen will. Früher hat Frank als Elitesoldat in Afghanistan gekämpft. Traumatisiert durch die Schrecken des Krieges, ist er zum Alkoholabhängigen geworden. Nun lebt er in einer brandenburgischen Kleinstadt ? sein Wagen hat das Autokennzeichen HVL (Landkreis Havelland). Die gemeinsame Zeit mit seiner kleinen Tochter gehört offensichtlich zu den wenigen Lichtblicken im Leben des jungen Manns. Deshalb macht er sich sofort auf den Weg zum Berliner Hauptbahnhof, wo er sich mit seiner Ex-Frau treffen soll, um Lily (Greta Nedelmann) abzuholen.

Ken Duken, der mit "Berlin Falling" sein Regiedebüt gibt, nachdem er als Schauspieler in rund hundert deutschen und internationalen Fernseh- und Filmproduktionen mitgespielt hat, erzählt sehr geradlinig: An einer Tankstelle spricht ihn ein ebenfalls junger Mann an: Andreas (Tom Wlaschiha) sucht eine Mitfahrgelegenheit nach Berlin. Obwohl Frank von der Idee, einen Fremden mitzunehmen, gar nicht begeistert ist, lässt er sich am Ende doch dazu unter der Bedingungen bewegen, dass er laute Musik hören und keine Gespräche führen will. Was allerdings der ehemalige Soldat zu dem Zeit- punkt nicht wissen kann: Andreas sympathisiert mit den [mehr]

Text: José García
Foto: NFP
PUBERTIER, DAS - DER FILM
Jan Weiler wurde als Autor gleich mit seinem Debütroman "Maria, ihm schmeckt´s nicht!" (2006) bekannt, von dem 1,7 Millionen Exemplare über den Ladentisch gingen. Darin erzählt Weiler "Geschichten von meiner italienischen Sippe", deren Ton manchmal vergnüglich, manchmal skurril, immer aber liebenswürdig ist. Der Roman wurde 2009 unter der Regie von Neele Leana Vollmar verfilmt: "Maria, ihm schmeckt´s nicht!". Der Regisseurin gelang es, die eher losen Episoden in eine durchgängige Geschichte umzusetzen. In den darauffolgenden Jahren verarbeitete Jan Weiler die Pubertät seiner Tochter feuilletonistisch. In der "Welt am Sonntag" erschienen 22 Kolumnen unter dem Titel "Mein Leben als Mensch". Im Jahre 2014 wurden sie mit dem Buchtitel "Das Pubertier" gesammelt veröffentlicht.

Beim Buch "Das Pubertier" handelt es sich denn auch erneut um eine Sammlung loser Episoden, in denen ein Vater von seinen Erfahrungen mit der pubertierenden Tochter berichtet. Einige von ihnen tragen die Überschrift "Im Pubertierlabor", die vom ironischen Erzählton zeugen, beispielsweise: "Im Rahmen meiner privaten Langzeitstudie über das Sozialverhalten des gemeinen Pubertiers lesen Sie heute Forschungsergebnisse zum Themenkreis: Wie man eine Vierzehnjährige weckt". Diese Episode übernimmt die Verfilmung "Das Pubertier ? Der Film", deren Drehbuch von Regisseur Leander Haußmann und Jan Weiler stammt. Wie schon bei der Filmadaption von [mehr]

Text: José García
Foto: Constantin
EIN CHANSON FÜR DICH
Das waren Zeiten, als der "Eurovision Song Contest" eine vorwiegend frankophone Veranstaltung namens "Grand Prix Eurovision de la Chanson Européenne" war. Zwar befanden sich unter den Siegern auf niederländisch und italienisch vorgetragene "Chansons", zwar gewann 1967 mit Sandie Show erstmals Großbritannien und damit ein englisches Lied. Erst mit "Waterloo" der schwedischen Band ABBA (1974) gewann den Wettbewerb, wiederum nach drei auf Französisch gesungenen Sieger 1971 bis 1973, ein "Song". "Waterloo" markierte nicht nur die Geburtsstunde einer der erfolgreichsten europäischen Pop-Bands überhaupt, sondern auch eine Zäsur in diesem Wettbewerb.

Darauf spielt Bavo Defurnes Spielfilm "Ein Chanson für Dich" an: Liliane (Isabelle Huppert) landete unter dem Künstlernamen "Laura" als sehr junge Sängerin auf Platz zwei, hinter ABBA, beim Grand Prix Eurovision de la Chanson. Zwar leisten sich Regisseur Bavo Defurne und seine Mit-Drehbuchautoren Yves Verbraeken und Jacques Boon damit einen Anachronismus, weil die Mittfünfzigerin Liliane im Jahre 1974 erst etwa 13 Jahre alt sein dürfte. Oder spielt "Ein Chanson für Dich" Anfang des 21. Jahrhunderts statt in der heutigen Zeit? Zwar spricht der Film gegen die Fakten, denn an zweiter Stelle hinter ABBA landete 1974 die Italienerin Gigliola Cinquetti mit "Si". Dies kann jedoch als "künstlerische Freiheit" angesehen werden.

Dreiundvierzig — oder etwa dreißig [mehr]

Text: José García
Foto: Alamode
IHRE BESTE STUNDE
Die Redewendung "Dies war ihre beste Stunde" geht auf eine Rede Winston Churchills zurück. Am 18. Juni 1940 rief der britische Premierminister vor dem Unterhaus dazu auf, während der deutschen Sommeroffensive des Jahres 1940 durchzuhalten und ihre Pflicht zu tun, damit die Menschen in der Zukunft sagen können: "Das war ihre beste Stunde" ("This was their finest hour"). Diesen Kernsatz, den Churchill selbst außerdem als Titel des zweiten Bandes seiner Kriegserinnerungen wieder aufgriff ("Their finest hour"), nimmt der Roman "Their Finest Hour and a Half" (2009) der im britischen Fernsehen tätigen Autorin Lissa Evans wieder auf, auf dem der Spielfilm "Ihre beste Stunde - Drehbuch einer Heldin" ("Their Finest") von Gaby Chiappe (Drehbuch) und Lone Scherfig (Regie) basiert.

Im London des Jahres 1940 sind die Auswirkungen der Luftangriffe, ja generell des Kriegs allgegenwärtig. Was zunächst wie schwarzweiße Dokumentaraufnahmen aussieht, entpuppt sich als Durchhaltefilm. Die Beamten des britischen Informationsministeriums wissen, dass die Menschen, die unter dem Bombardement der deutschen Luftwaffe leiden, etwas Positives in ihrem Leben brauchen. Speziell dem Kino fällt in diesen düsteren Zeiten die Rolle zu, Menschen auf andere Gedanken zu bringen, ihnen Hoffnung zu geben. Dabei spielt die "weibliche Sicht" eine nicht zu unterschätzende Rolle. Denn in diesen harten [mehr]

Text: José García
Foto: Concorde
ERFINDUNG DER WAHRHEIT, DIE
Die erfolgsverwöhnte Lobbyistin Elizabeth Sloane (Jessica Chastain) schaut frontal in die Kamera, wobei sie erklärt, worin die Lobbyarbeit besteht. Denn sie wird für die Aussage trainiert, die sie im Rahmen eines Untersuchungsausschusses tätigen soll. Die Anhörung bildet denn auch die Rahmenhandlung im Spielfilm "Die Erfindung der Wahrheit" ("Miss Sloane") von Jonathan Perera (Drehbuch) und John Madden (Regie). Der Film kehrt immer wieder zur Anhörung zurück, sodass die eigentliche Handlung in Rückblenden erzählt wird, die verschiedene Wendungen in der Geschichte wiedergeben.

Nach der kurzen Einführung erscheint deshalb der Hinweis: "Drei Monate, eine Woche vorher". Die 40-jährige Elizabeth Sloane arbeitet in der angesehenen Anwaltskanzlei von George Dupont (Sam Waterston) in Washington, die sich auf Lobbyarbeit spezialisiert hat. Sie lebt für ihren Job, in dem sie ein einziges Ziel kennt: Gewinnen. Als der "Zweite Zusatzartikel" zur Verfassung der Vereinigten Staaten, der Einschränkungen im Besitz und Tragen von Waffen seitens der Regierung verbietet, wieder einmal zur Debatte steht, wenden sich die Vertreter einer Waffenlobby an die knallharte, erfolgreiche Anwältin. Sie soll verhindern helfen, dass die Voraussetzungen für den Waffenbesitz strenger werden. Miss Sloane brüskiert aber ihren Chef, und wechselt zusammen mit vier Mitgliedern ihres Teams die Seiten. Sie arbeitet von nun an für den Idealisten [mehr]

Text: José García
Foto: universum