Aktuelle Filmkritiken
ZARTE PARASITEN
Zwei junge Erwachsene entscheiden, ohne festen Wohnsitz und ohne geregelte Arbeit im heutigen Deutschland zu leben. Bereits die erste Szene verdeutlicht, wie sie ihre absolute Unabhängigkeit meinen: In der Disco haben Manu (Maja Schöne) und Jakob (Robert Stadlober) die Bekanntschaft eines jungen Mannes gemacht. Als sich der Junge den beiden anschließen will, wird er von Jakob unsanft gestoppt. Das Paar genügt sich selbst – keine Freunde, keine weiteren menschlichen Bindungen. Sie haben sich in einem Provisorium, in einem selbstgebauten Lager im Wald eingerichtet. Wie zerbrechlich eine solche Behausung ist, werden sie früh genug erfahren.

Arbeiten im herkömmlichen Sinne kommt für Manu und Jakob nicht in Frage. Aber sie haben eine Marktlücke entdeckt: In der zunehmend kälter werdenden Gesellschaft fehlen vielen Menschen praktische Hilfen, vor allem aber Zuneigung und Wärme. So sind Manu und Jakob „menschliche Dienstleister“ geworden. Während Manu die sterbenskranke Frau Katz pflegt, sucht sich Jakob einen „Kunden“ auf eine etwas riskante Art: Er lässt sich vom Segelflugzeug eines Managers leicht verletzen. Daraus entwickelt sich eine Abmachung: Der Pilot, Martin (Sylvester Groth), bietet Jakob den Platz seines kürzlich verstorbenen Sohnes an. Obwohl Martins Frau (Corinna Kirchhoff) Bedenken äußert, zieht Jakob bei ihnen ein. Als die alte Frau Katz überraschend stirbt, [mehr]

Text: José García
Foto: Filmlichter
BAL – HONIG
Eine so lange Bildeinstellung hat man im Kino der letzten Jahrzehnte selten gesehen. Unbeweglich bleibt das Bild mehrere Minuten auf der Leinwand, was zur Folge hat, dass der Zuschauer umso mehr auf die Geräusche achtet, auf das Rascheln und Knistern im unberührten Wald. Langsam bewegt sich ein Mann mit einem Esel aus dem Bildhintergrund kommend auf den Vordergrund zu. Er bindet ein Seil an einem Ast fest und klettert den riesengroßen Baum hoch. Endlich folgt ein Schnitt. Die in schwindelerregender Höhe hängende Kamera beobachtet nun den Mann von oben, wenn der Ast zu brechen beginnt, und dann der Mann hilflos weit über dem Boden in der Luft hängt. Zweiter Schnitt. Der Prolog, dessen Bedeutung sich erst viel später erschließen wird, ist zu Ende.

Denn im Mittelpunkt von Semih Kaplanoglus türkisch-deutscher Koproduktion „Bal – Honig“ steht der sechsjährige Yusuf (Bora Altas), der als Einzelkind mit seinen Eltern Yakup (Erdal Besikçioglu) und Zehra (Tülin Özen) in den waldreichen Bergen der Schwarzmeerregion im Nordosten der Türkei lebt. Yusuf begleitet oft seinen Vater, der als Imker seine Bienenstöcke hoch in den Bäumen befestigt, um den berühmten schwarzen Honig der Rize-Region zu ernten. Bei seinem Vater lernt Yusuf nicht nur die Geheimnisse der Natur. Wenn [mehr]

Text: José García
Foto: Piffl Medien
PIANOMANIA
Angesichts des Aufschwungs, den der Dokumentarfilm seit etwa sechs oder sieben Jahren erfährt, kann man sich als Zuschauer mit Fug und Recht fragen, ob wirklich all diese Filme ins Kino gehören oder sie nicht vielmehr im Fernsehen besser aufgehoben wären. Zu den Kriterien, die für die „Kinotauglichkeit“ sprechen, gehört die Kameraarbeit wesentlich dazu: kinotaugliche Bilder muss der Film selbstverständlich liefern. Dazu zählen ebenso eine kinogerechte Tonspur und insbesondere die Filmmusik. Wichtiger als Bilder und Ton nimmt sich jedoch das dritte, das narrative Element eines Filmes aus. Ob sich ein Film tatsächlich fürs Kino eignet, entscheidet letztendlich die Dramaturgie mit deren Haupt- und Nebenhandlungen.

Mit dem in Oslo auf dem EURODOK Filmfestival des norwegischen Filminstituts mit dem Ehrenpreis der Jury ausgezeichneten „Pianomania“ startet nun ein Dokumentarfilm im regulären Kinoprogramm, der eine solide Dramaturgie aufweist. Im Mittelpunkt des Filmes von Lilian Franck und Robert Cibis steht der aus Hamburg stammende Stefan Knüpfer, Cheftechniker und Meisterstimmer von Steinway & Sons Austria in Wien. Den Hauptstrang der Handlung von „Pianomania“ stellt die Aufnahme für Bachs „Die Kunst der Fuge“ im Wiener Konzerthaus durch Pierre-Laurent Aimard dar, die schlussendlich 2009 im Rahmen des „Preises der deutschen Schallplattenkritik“ mit der Ehrenurkunde „Interpreten des Bereichs Klassik“ ausgezeichnet werden [mehr]

Text: José García
Foto: farbfilm
ZWISCHEN UNS DAS PARADIES
Jasmila Žbanić gewann gleich mit ihrem Spielfilmdebüt „Esmas Geheimnis“ (siehe Filmarchiv) den Goldenen Bären der Berlinale. In „Esmas Geheimnis“ gesteht eine Mutter ihrer Tochter, dass sie das Ergebnis einer Vergewaltigung während des Balkankrieges ist. Der in Sarajevo geborenen Regisseurin gelang es auf diese Weise, durch das Prisma einer Mutter-Tochter-Liebesgeschichte von den Gräueln des Krieges zu erzählen.

Žbanićs zweiter Spielfilm „Zwischen und das Paradies“ („Na putu“), der am Berlinale-Wettbewerb teilnahm und im Rahmen des Filmfest München mit dem „Bernhard Wicki Filmpreis Die Brücke“ ausgezeichnet wurde, folgt einer ähnlichen Erzählstruktur: Im Mittelpunkt steht die „moderne“ Liebesbeziehung zwischen einer jungen Frau und einem jungen Mann im heutigen Sarajevo. Obwohl die alten Wunden des Balkenkrieges hin und wieder sichtbar werden, stellen sie jedoch nicht das Thema von „Zwischen und das Paradies“ dar. Dieses ist vielmehr das Erstarken des Islams in der bosnischen Gesellschaft.

Die Stewardess Luna (Zrinka Cvitesic) und der Fluglotse Amar (Leon Lucev) führen eine scheinbar unbeschwerte Beziehung ohne Trauschein, wobei die Kamera die körperliche Nähe, die Intimität betont. Weil sie sich ein Kind wünschen, es aber offensichtlich nicht bekommen können, will sich Luna einer besonderen Hormon-Therapie unterziehen. Erste Probleme treten auf, als Amar wegen Alkoholkonsums am Arbeitsplatz seine Stelle am Flughafen verliert. Ein Zufall [mehr]

Text: José García
Foto: Neue Visionen
LEBEN IST ZU LANG, DAS
Der Regisseur Dani Levy liebt offenbar die Provokation. Seinen letzten Film, die Hitler-Parodie mit dem Titel „Mein Führer. Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“ (siehe Filmarchiv), verstand er als „subversive Antwort“ auf Oliver Hirschbiegels „Der Untergang“ (siehe Filmarchiv). Ausgerechnet ein inzwischen im KZ Sachsenhausen inhaftierter jüdischer Darsteller sollte in einem zutiefst depressiven Adolf Hitler die alte Rede-Kampfeslust wieder erwecken. Levys neuer, nun im regulären Kinoprogramm anlaufender Spielfilm „Das Leben ist zu lang“ enthält die Provokation gleichsam im Titel. Denn welcher Zeitgenosse würde in einer sich immer schneller beschleunigenden Gesellschaft behaupten, das Leben sei zu lang? Provozieren möchte Levy offenbar darüber hinaus mit lustig-tiefsinnigen Aussagen wie „Ich bin Jude, sogar Vierteljude“, besonders aber mit der allerdings kaum originellen Entlarvung des Fernsehbetriebs als bloße Geldmacherei und mit einer ebenfalls nicht wirklich neuen Kritik an der Selbstbezüglichkeit der Filmwelt.

Zu lang findet das Leben allerdings Alfi Seliger (Markus Hering), denn der jüdische Filmemacher und notorische Hypochonder steckt in einer tief sitzenden Lebenskrise:
Seine pubertierenden Kinder Romy (Hannah Levy) und Alain (David Schlichter) finden ihn einfach nur lächerlich, seine Ehefrau Helena (Meret Becker) fühlt sich mehr zu ihrem Kollegen Johannes (Justus von Dohnányi) als zu ihrem Mann hingezogen. Zu allem Überfluss geht seine Bank [mehr]

Text: José García
Foto: X-Verleih
KLEINE NICK, DER
Ob Erich Kästner (1899-1974), der amerikanische Autor Roald Dahl (1916–1990) oder die britische Schriftstellerin Christianna Brand (1907-1988): Seit der Jahrhundertwende werden vermehrt klassische Kinderbücher berühmter Autoren verfilmt, die oft erst nach Jahrzehnten den Weg (wieder) auf die große Leinwand finden.

In Frankreich startete Ende September 2009 die Kinderbuchadaption „Le Petit Nicolas“, die mit mehr als 5,5 Millionen Zuschauern zu einem der größten Kassenerfolge der letzten Jahre im französischen Kino wurde. Der Film von Laurent Tirard, der nun unter dem Titel „Der kleine Nick“ im deutschen Kinoprogramm anläuft, basiert auf der im Jahre 1959 von René Goscinny geschaffenen, gleichnamigen Figur. Zusammen mit den Zeichnungen von Jean-Jacques Sempé erschienen in den sechziger Jahren rund 160 Kleine-Nick-Geschichten zuerst in einem Magazin und in einer Regionalzeitung, ehe sie später in fünf Büchern veröffentlicht wurden. Übersetzt in mehr als 30 Sprachen, gingen diese Bücher mehr als 8 Millionen Mal über den Ladentisch.
Entsprechend der comicartigen Vorlage besitzt „Der kleine Nick“ eine durchaus episodische Struktur, spiegelt diese doch am besten die kleinen Abenteuer wider, die der etwa 11-jährige Nick (Maxime Godart) insbesondere mit seinen Klassenkameraden in der Schule erlebt. Als da wären der ununterbrochen essende Otto, Georg, der als Sohn reicher Eltern alle Wünsche erfüllt bekommt, der [mehr]

Text: José García
Foto: Wild Bunch
BABYS
Vier Neugeborene aus vier unterschiedlichen Kulturkreisen: Ponijao aus Namibia, Bayar aus der Mongolei, Mari aus Japan und Hattie aus den Vereinigten Staaten stehen im Mittelpunkt des Dokumentarfilmes „Babys“ von Thomas Balmès. Der französische Regisseur, selbst Vater von drei Kindern, begleitet sie etwa ein Jahr lang, von der teilweise schweren Geburt bis zu den ersten Schritten der neuen Erdbewohner.

Die Kamera von Thomas Balmès beobachtet die Kinder und ihre Umgebung immer aus der Nähe. In „Babys“ überwiegen die langen Einstellungen in Nahaufnahmen oder Halbtotalen im Gegensatz zu den Luftaufnahmen etwa eines Helikopters, so Balmès selbst. Zu den vor Drehbeginn festgelegten „Richtlinien“ gehörte es etwa, „dass wir uns die Zeit und Muße nehmen würden, um unsere Babys immer dann dabei zu ‚erwischen’, wenn sie etwas zum ersten Mal in ihrem Leben taten. Wir würden still und leise beobachten und darauf vertrauen, dass die Realität stark genug ist, um unser Projekt zu tragen.“ Dabei suchten sie die Familien so aus, dass sich die Geburten nicht gleichzeitig, sondern in gewissen Abständen ereigneten. Dadurch mussten die Babys nicht zur gleichen Zeit, sondern gleichsam hintereinander gefilmt werden.

Ohne Kommentar und ohne die bei Dokumentarfilmen üblichen Interviews übernimmt die Kamera eine lediglich beobachtende Position. Zwar zeigen die [mehr]

Text: José García
Foto: Kinowelt
BRIEFE AN JULIA
Nach einem auf dem 2006 erschienenen Buch „Letters to Juliet“ von Lise und Ceil Friedman basierenden Drehbuch von José Rivera und Tim Sullivan erzählt Gary Winnicks Spielfilm „Briefe an Julia“ von der romantischen Liebe in der heutigen Zeit, oder genauer gesagt: Wie sich Hollywood eine romantische Liebe vorstellt.

Welches Reiseziel könnte mehr Romantik versprechen als Verona, die Stadt von Romeo und Julia? Darauf weist bereits der Vorspann hin, und dorthin begibt sich die angehende New Yorker Journalistin Sophie (Amanda Seyfried) zusammen mit ihrem Verlobten, dem jungen Koch und künftigen Restaurantbesitzer Victor (Gael García Bernal), in einer Art vorgezogener Hochzeitsreise. In Italien angekommen, stellt es sich aber schnell heraus, dass der Koch mit italienischem Migrationshintergrund an Wein, Käse, Olivenöl und anderen Delikatessen aus dem Land seiner Vorfahren weitaus mehr Interesse hat als an den Sehenswürdigkeiten Veronas. Während sich Victor auf kulinarische Entdeckungsfahrt macht, schlendert Sophie durch Veronas Gassen, wo sie auf „Julias Sekretärinnen“ stößt – vier Frauen, die hinterlassene Liebesbriefe aus aller Welt beantworten. Als sie einen 50 Jahre alten Brief entdeckt, schreibt Sophie spontan an die Absenderin. Berührt von Sophies Antwort kehrt Claire (Vanessa Redgrave) nach Verona zurück, wo sie sich zusammen mit Sophie und ihrem Enkel Charlie (Christopher Egan) [mehr]

Text: José García
Foto: Concorde
MADEMOISELLE CHAMBON
Ein Familienausflug: Ein junges Ehepaar und der kleine Sohn haben sich auf einer Decke im Wald ausgebreitet. Die Eltern versuchen, dem Jungen bei dessen Hausaufgaben zu helfen, was sie jedoch sichtlich überfordert. Diese Exposition führt ohne Umschweife in die Figuren ein: Jean (Vincent Lindon) arbeitet als Maurer, seine Frau Anne Marie (Aure Atika) in einer Druckerei. Mit Grammatik-Fragen sind sie hingegen nicht besonders vertraut. Die einfache Szene verrät aber noch etwas anderes: Sie verdeutlicht eine gelassene Familienidylle, in der die Gefühle zwar nicht überschäumend, jedoch echt scheinen. Dass der Maurer Jean zu ganz anderen Empfindungen fähig ist, kann er wahrscheinlich weder in Worte fassen noch sich selbst eingestehen. Denn als er von so etwas wie „Liebe auf den ersten Blick” getroffen wird, bemerkt er es selbst nicht – wohl aber der Zuschauer. Genau dies geschieht, als Jean die neue Lehrerin seines Sohnes, die titelgebende Mademoiselle Chambon (Sandrine Kiberlain) kennenlernt. Die elegante Erscheinung aus Paris, die etwas entrückt wirkende junge Frau, hat in der Provinzstadt-Schule eine Mutterschaftsvertretung übernommen. Ob sie dort länger bleiben möchte, weiß sie noch nicht. Allerdings hat Véronique Chambon dieses unstete Leben als „Springerin“, die in jeder Stadt immer nur kurze Zeit bleibt, langsam satt. Von der einnehmenden [mehr]

Text: José García
Foto: Arsenal
THEMBA – DAS SPIEL SEINES LEBENS
Fußball und Kino können mit Fug und Recht als die Sport- respektive Kultursparte mit der größten Breitenwirkung bezeichnet werden. Weil sich aber der Sportfilm zu einem regelrechten Kinogenre vornehmlich in Hollywood entwickelte, sind auf der Kinoleinwand die in den Vereinigten Staaten verbreiteten Sportarten Football oder Baseball weit häufiger als Fußball zu sehen. Die Faszination Fußball auf die große Leinwand zu bannen, gelang am ehesten dem deutschen Regisseur und ehemaligen Fußballer Sönke Wortmann mit „Das Wunder von Bern“ (2002) und natürlich mit seiner WM-Dokumentation „Deutschland. Ein Sommermärchen“ (2006). Konzentrierten sich Wortmanns Filme auf das Fußballfieber, das ein ganzes Land während der Weltmeisterschaften 1954 und 2006 erfasste, so startet mit „Themba – Das Spiel seines Lebens“ ein Spielfilm im deutschen Kino, der den Sport als Vehikel für einen Erziehungsplot einsetzt.

Ein Nachwuchs-Fußballspieler sitzt erstmals auf der Bank der Jugend-Nationalmannschaft Südafrikas, als sich ein Stammspieler verletzt. Er soll eingewechselt werden – die Chance seines Lebens! In diesem Moment erinnert er sich an seine Kindheit: Als 12-Jähriger lebt Themba (Emmanuel Soqinase) mit seiner Mutter Mandisa (Simphiwe Dana) und seiner 9-jährigen Schwester Nomtha (Mihle Mtakati) in armen Verhältnissen in einem kleinen Dorf. Als leidenschaftlicher Fußballspieler gründet er mit seinem besten Freund Sipho (Melenbatu Maxhama) und anderen [mehr]

Text: José García
Foto: alpha medienkontor