Aktuelle Filmkritiken
DOLMETSCHER, DER
Ein altmodisch gekleideter, älterer Herr fährt im Zug von Bratislava nach Wien. Der 80-jährige Ali Ungár (Jiri Menzel) findet schnell sein Ziel: Er möchte sich am mutmaßlichen Mörder seiner Eltern rächen — eine Pistole hat Ali Ungár auch dabei. Doch Ungár trifft statt des ehemaligen SS-Offiziers Kurt Graubner dessen Sohn Georg (Peter Simonischek) an, der ihm erklärt, sein Vater sei vor Jahren gestorben.

Obwohl das kurze Gespräch mit gegenseitigen Beschimpfungen endet, fährt Georg Graubner am nächsten Tag nach Bratislava, um Herrn Ungár als Dolmetscher zu engagieren. Er soll Georg zu den Orten führen, an denen sich der Vater als SS-Mann Verbrechen begangen hat. So beginnt eine Reise, die beide älteren Herren zur Vergangenheit von Tätern und Opfern führt.

Als Spielfilm über zwei alternde Männer, die gegensätzlich kaum sein könnten, erinnert "Der Dolmetscher" natürlich an die Komödien mit Walter Matthau und Jack Lemmon — von "Ein seltsames Paar" (1968) bis "Ein verrücktes Paar" (1993). Ihre offensichtlichen Unterschiede — Ali Ungár ist meistens übelgelaunt und kränklich, dafür gibt sich Georg Graubner gerne als fit und lebensfroh, der Slowake ist seit 52 Jahren verheiratet, der Österreicher wurde dreimal geschieden — eignen sich als unerschöpfliche Quelle für Situationskomik. Obwohl die Reise wegen der scheinbar unüberbrückbaren Gegensätzen [mehr]

Text: José García
Foto: FilmKinoText
BODYGUARD
Britische und insbesondere US-amerikanische Kinofilme spielen gerne im Schaltzentrum der Macht. Filmliebhaber kennen wohl jeden Winkel im "Oval Office", so oft wurde das Büro des US-Präsidenten im westlichen Flügel des Weißen Hauses in Spielfilmen und Online-Serien nachgebaut. Besonders interessant sind dabei die Spielfilme, die nicht aus der Sicht des jeweiligen Film-Präsidenten, sondern aus der Perspektive einer ihm nahestehenden Person erzählen, so etwa "Thirteen Days" (Roger Donaldson, 2000), der John F. Kennedys Politikberater Kenneth O´Donnell (Kevin Costner) in den Mittelpunkt stellt. Eine besondere Stellung nehmen dabei Spielfilme ein, die aus der Warte von Personenschützern des Präsidenten auf das politische Geschehen schauen. Die Mischung aus persönlicher Nähe und institutionellem Abstand erlaubt eine spannende Sicht auf das angesprochene Schaltzentrum der Macht, so etwa in "8 Blickwinkel" (Pete Travis, 2008) und insbesondere auch in Wolfgang Petersens "In the Line of Fire" (1993) mit Clint Eastwood in der Hauptrolle.

In dieses Subgenre reiht sich nun die aktuelle "Netflix"-Serie "Bodyguard" ein, deren Hauptfigur der Personenschützer der britischen Innenministerin ist. Die von Ende August bis Mitte September zunächst von der BBC ausgestrahlten Agentenserie wurde in ihrem Heimatland zur erfolgreichsten britischen Fernsehproduktion der letzten zwanzig Jahre. Im Gegensatz zu den meisten heutigen Serien, die sich für Figurenzeichnung und die [mehr]

Text: José García
Foto: Netflix
INTRIGO - TOD EINES AUTORS
Der Übersetzer David Moerk (Benno Fürmann) besucht den erfolgreichen Autor Alex Henderson (Ben Kingsley) auf einer kleinen griechischen Insel, wo der Schriftsteller in völliger Abgeschiedenheit lebt. Er sei eben froh, keine Nachbarn zu haben. David, der sich beim Autor als "Henry" ausgibt, möchte die Meinung eines Profis über seinen ersten Roman hören. Henderson scheint neugierig zu sein, weshalb er sich von "Henry" aus dem Buch vorlesen lässt. Es handelt von einem erfolgreichen Schriftsteller namens David, dessen Frau Eva (Tuva Novotny) ihn verlassen möchte. Als Henderson bereits abwinkt, nimmt der Roman eine dramatische Wendung. Noch dramatischer wird es allerdings, als Moerk von seinem Auftrag erzählt, den letzten Roman des kürzlich auf mysteriöse Weise verstorbenen Autors Germund Rein zu übersetzen. David lernt dessen Witwe Mariam (Daniela Lavender) kennen, die ihn ganz schön beeindruckt. Nach und nach kommen Parallelen zwischen dem fiktiven und dem realen Fall ans Tagelicht.

Als Henderson bereits abwinkt, nimmt der Roman eine dramatische Wendung. Noch dramatischer wird es allerdings, als Moerk von seinem Auftrag erzählt, den letzten Roman des kürzlich auf mysteriöse Weise verstorbenen Autors Germund Rein zu übersetzen. David lernt dessen Witwe Mariam (Daniela Lavender) kennen, die ihn ganz schön beeindruckt. Nach und nach kommen Parallelen zwischen dem fiktiven [mehr]

Text: José García
Foto: Fox
DEUTSCHLAND 86
Vor drei Jahren strahlte RTL die zehnteilige Serie "Deutschland 83" aus, in deren Mittelpunkt der junge DDR-Grenzsoldat Martin Rauch (Jonas Nay) stand, der von seiner eigenen, für die Auslandsaufklärung der Stasi arbeitende Tante Lenora (Maria Schrader) als Spion rekrutiert wird. Die Serie wurde von der Kritik gelobt, ging aber bei RTL etwas unter. Nun hat Amazon den Vertrieb der ebenfalls von UFA Fiction produzierten zweiten Staffel "Deutschland 86" übernommen.

Stand im Mittelpunkt von "Deutschland 83" der Konflikt zwischen der Bundesrepublik und der DDR und insbesondere das NATO-Manöver "Able Archer", so findet die neue, zehnteilige Staffel an mehreren Schauplätzen statt: Lenora versucht in Südafrika, westdeutsche Waffen am UN-Embargo vorbei an die südafrikanische Regierung zu verkaufen. Martin hat die letzten drei Jahre in Angola verbracht, wo er Kindern Deutsch beibringt. Nun reaktiviert ihn wiederum Leonora. Die beiden werden eine wahre Odyssee erleben auf dem Weg zurück nach Deutschland. Derweil suchen die Hauptverwaltung Aufklärung HVA und die Kommerzielle Koordination KoKo der DDR nach immer abenteuerlicheren Wegen, um der drohenden Staatspleite zu entgehen.

"Deutschland 86" verbindet mehrere Handlungsstränge und menschliche Schicksale miteinander, wobei die Serie interessante Einblicke in die verrottete DDR-Wirtschaft bietet. Die hohe Schnittfrequenz, die opulenten, kinotauglichen Bilder, der poppige Soundtrack und die hervorragenden Schauspieler [mehr]

Text: José García
Foto: Amazon
AFFRONT, DER
Beirut, an einem heißen Sommernachmittag. Toni (Adel Karam), ein libanesischer Christ, gießt aus Versehen Wasser auf den Kopf des Vorarbeiters Yasser (Kamel El Basha), eines palästinensischen Flüchtlings. Ein Wort gibt das andere - Yasser wirft Toni ein Schimpfwort (daher der Originaltitel "L´insulte") an den Kopf. Als der hitzköpfige Toni Yassers halbherzige Entschuldigung ablehnt, eskaliert der Streit. Toni verklagt Yasser, und der Streit landet vor Gericht. Damit zieht er aber auch immer weitere Kreise, als sich die Medien in die Auseinandersetzung einmischen. Es kommt nicht nur zu Handgreiflichkeiten zwischen Libanesen und Palästinensern im Gerichtssaal. Plötzlich randalieren rechte Libanese und palästinensische Flüchtlinge auf den Straßen.

Mit-Drehbuchautor und Regisseur Ziad Doueiri bettet den teilweise als Gerichtsfilm konzipierten "Der Affront" in einen größeren Zusammenhang ein. Ja, er bietet eine Parabel nicht nur über verletzte Ehre und Rechthaberei, sondern auch über die vertrackte Lage im Nahen Osten. Ziaad Doueiri benennt deutlich die Hintergründe eines zunächst eher harmlosen, persönlichen Disputs, der ein ganzes Land an den Rand des Bürgerkrieges zu bringen droht. Denn der Libanese Toni hält die im Libanon lebenden Palästinenser für besonders privilegiert, weil die Behörden es sich weder mit der UN noch mit der weltweiten öffentlichen Meinung verscherzen möchten.

Yasser wiederum sieht sich als Bürger [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Alpenrepublik
MORDANSCHLAG, DER
Dem letzten von der sogenannten dritten Generation der Roten Armee Fraktion RAF verübten Mord fiel am 1. April 1991 der Präsident der Treuhandanstalt Detlev Karsten Rohwedder zum Opfer. Rohwedder wurde von einem Scharfschützen in seinem Haus in Düsseldorf erschossen. Obwohl die Hintergründe der Tat nie aufgeklärt wurden, sprachen einige Indizien dafür, dass daran Wolfgang Grams beteiligt war - derselbe Wolfgang Grams, der am 27. Juni 1993 am Bahnhof Bad Kleinen von GSG-9-Beamten tödlich getroffen wurde.

Der Fernseh-Zweiteiler "Der Mordanschlag" von André Georgi (Drehbuch) und Miguel Alexandre (Regie) "orientiert sich an historischen Ereignissen. Die Handlung ist fiktiv" - so heißt es zu Beginn. "Die handelnden Personen sowie ihre beruflichen und privaten Konflikte sind frei erfunden." Im Film heißt der Chef der Treuhandanstalt denn auch Hans-Georg Dahlmann (Ulrich Tukur), der zu Beginn der 1990er Jahre als einer der meistgefährdeten Männer Deutschlands und Zielscheibe der RAF gilt. Zum Verhältnis zwischen Fakten und Fiktion im ZDF-Mehrteiler führt André Georgi, der das Drehbuch auf der Grundlage seines 2018 erschienenen Thrillers "Die letzte Terroristin" verfasste, aus: "Ein nicht völlig aufgeklärtes Verbrechen hinterlässt Lücken, die nur fiktional gefüllt werden können. Und so bewegen sich Roman und Drehbuch im schwierigen Grenzbereich zwischen dem Tatsächlichen und dem Fiktionalen - einem [mehr]

Text: José Garcia
Foto: ZDF
VORNAME, DER
Es sollte ein schöner Abend werden: Hochschulprofessor Stephan (Christoph Maria Herbst) und seine Frau Elisabeth (Caroline Peters) haben deren Bruder Thomas (Florian David Fitz) und seine schwangere Freundin Anna sowie Familienfreund René (Justus von Dohnányi) in ihr Bonner Haus zum Essen eingeladen. Anna verspätet sich zwar noch etwas, aber die andern wollen schon von Thomas den Namen erfahren, den sich das junge Paar für den Sprössling ausgesucht hat. Als Thomas verkündet, der Junge soll Adolf heißen, folgt auf die erste Sprachlosigkeit eine entrüstete Antwort von Stephan.

Thomas´ Argumente - was ist mit dem Adolf-Grimme-Preis? Nach diesem Maßstab dürfte auch niemand mehr Josef heißen (wegen Stalin) - machen Stephan nur noch rasender. Erst unmerklich, dann immer deutlicher verlagert sich der Streit ums politisch Korrekte in Richtung persönliche Angriffe. Verdrängte Ressentiments etwa zwischen dem Schulabbrecher Thomas und dem spießig-bildungsbürgerlichen Stephan kommen an die Oberfläche. Als die ahnungslose Anna (Janina Uhse) endlich kommt, gießen ihre wohlgemeinten, aber missverständlichen Kommentare neues Öl ins Feuer.

"Der Vorname" basiert auf dem französischen Theaterstück. "Le prénom" von Alexandre de la Patelliere und Mathieu Delaporte, die ihre Komödie 2012 für die große Leinwand adaptierten. Deshalb findet bis auf kleine Ausnahmen die gesamte Filmhandlung in einem einzigen Raum statt. Deshalb aber [mehr]

Text: José Garcia
Foto: Constantin
MANIAC
Die Online-Plattform "Netflix" macht zurzeit kräftig für die neue Original-Science-Fiction-Serie "Maniac" Werbung, deren zehn Folgen seit Ende September auf der Plattform des Onlineanbieters abgerufen werden können. Sie wurde von Cary Joji Fukunaga und Patrick Somerville entwickelt. Regie führt Fukunaga, der bei dem nächsten, für 2020 angekündigten James-Bond-Film ebenfalls Regie führen wird.

"Maniac" ist in einem Parallel-New York angesiedelt, das mit gewissen Unterschieden unserer Welt ähnelt: Neben 80er-Jahre-Computern und Neon-Reklameschildern existieren hier Kehrroboter, die auf der Straße Hunde-Hinterlassenschaften beseitigen. Ein sprechender Lila-Koala spielt Schach. Cary Joji Fukunaga zeichnet die Welt, in der "Maniac" spielt, als retrofuturistische Stadt mit viel Liebe zum Detail. Auf die Werbung legt er besonderen Wert: Nicht nur dass ein Plakat für 1 799 Dollar eine Reise zum Mond anbietet. Darüber hinaus gibt es "Ad-Buddies", die irgendwelche Kosten übernehmen, und dafür personalisierte Werbeanzeigen vorlesen.

Von einem solchen "Ad-Buddy" erfährt Owen (Jonah Hill) von einer Testreihe, die in der Pharmafirma "Neberdine Pharmaceutical Biotech" durchgeführt werden soll, wobei die Probanden ein hohes Honorar erhalten sollen. Owen steckt in Schwierigkeiten: Der fünfte Sohn einer wohlhabenden Unternehmerfamilie wird von den Firmenanwälten und vom Patriarchen (Gabriel Byrne) darauf getrimmt, vor Gericht eine Falschaussage für einen Bruder zu machen, der wegen sexueller Belästigung angeklagt wird. Owen [mehr]

Text: José García
Foto: Netflix
CHAMPAGNER & MACARONS - EIN UNVERGESSLICHES GARTENFEST
Seit ihrem Regiedebüt "Lust auf anderes" ("Le goût des autres", 2000) kreisen die Filme von Agnès Jaoui, deren Drehbücher sie zusammen mit ihrem (ehemaligen) Lebenspartner Jean-Pierre Bacri schreibt, immer wieder um die Eitelkeit und Oberflächlichkeit des Kulturbetriebs, um den Preis, den Menschen für Anerkennung zu zahlen bereit sind. Themen, die das Duo Jaoui-Bacri bislang besonders überzeugend in ihrem mit dem Europäischen Filmpreis für das beste Drehbuch sowie mit dem Drehbuchpreis der Internationalen Filmfestspiele Cannes 2004 ausgezeichneten Meisterwerk "Schau mich an!" ("Comme une image") behandelten.

Für ihren aktuellen Spielfilm "Champagner & Macarons - Ein unvergessliches Gartenfest" ("Place publique") setzen Agnès Jaoui und Jean-Pierre Bacri eine ähnliche Dramaturgie wie in ihren früheren Filmen ein. Es wird erneut von Paris aufs Land gefahren, auch wenn hier Nathalie (Léa Drucker) ein ums andere Mal betont, dass ihr neues Anwesen lediglich 35 Minuten von Paris entfernt sei. Um ihr Landhaus einzuweihen, hat die vielbeschäftigte Fernsehproduzentin einige Prominente eingeladen.

Was sie zurzeit am meisten beschäftigt: Das Karriereende des Moderators Castro (Jean-Pierre Bacri), dessen Stern längst verblasst ist, zu verhindern. Nicht nur Castro kommt zur Gartenparty, sondern ebenfalls seine Ex-Frau Hélène (Agnes Jaoui), die auch Nathalies Schwester ist. Später erscheint die gemeinsame Tochter von Hélène und Castro [mehr]

Text: José García
Foto: Tiberius Film
EIN KIND WIRD GESUCHT
"Ein Kind wird gesucht" basiert auf einer wahren Begebenheit: Eines Tages kehrt der zehnjährige Mirco abends von seinem Fußballtraining nicht zurück. Von ihm fehlt jede Spur. Der zuständige Chefermittler Ingo Thiel (Heino Ferch), selbst Vater zweier Söhne, verspricht Mircos Eltern, ihren Sohn zurückzubringen. Es beginnt die größte Suchaktion der deutschen Nachkriegsgeschichte, eine langwierige und zermürbende Suchaktion. Thiel motiviert sein Team immer wieder, bloß nicht aufzugeben.

Mircos Eltern Reinhard (Johann von Bülow) und Sandra Schlitter (Silke Bodenbender) finden als Mitglieder einer evangelischen Freikirche bei aller Verzweiflung in ihrem tiefen Glauben an Gott Halt, auch wenn Reinhards Glaube an einen gütigen und gerechten Gott hart auf die Probe gestellt wird.


Interview mit Co-Drehbuchautorin Katja Röder

"Ein Kind wird gesucht" ist eine wahre Geschichte. Wie sind Sie darauf gekommen, sie zu verfilmen?

Der Produzent Nils Dünker hat mich vor drei Jahren darauf angesprochen. Zwei junge Produzenten, Eric Bouley und Christopher Sassenrath, hatten für ihn das Buch von Ingo Thiel optioniert, in dem er als Chef der Sonderkommission den Mordfall Mirco beschreibt. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie fasziniert ich von der dort geschilderten, umfangreichen und unglaublich detaillierten Ermittlungsarbeit war: Das war die harte Realität eines tragischen Falls und kein Krimi-Märchen. Mehr [mehr]

Text: José García
Foto: ZDF