BALLON | Ballon
Filmische Qualität:   
Regie: Michael Bully Herbig
Darsteller: Friedrich Mücke, Karoline Schuch, David Kross, Alicia von Rittberg, Thomas Kretschmann, Jonas Holdenrieder, Tilman Döbler, Ronald Kukulies, Emily Kusche
Land, Jahr: Deutschland 2018
Laufzeit: 120 Minuten
Genre:
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen: --
im Kino: 9/2018


José García
Foto: Studiocanal

In den gut 28 Jahren des Bestehens der Berliner Mauer starben mehr als hundert Menschen beim Versuch, sie zu überwinden. Laut "chronik-der-mauer.de" vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung und mit Deutschlandradio, gelang jedoch "mindestens 5 075 DDR-Bürgern auf zum Teil abenteuerlichen Wegen und unter Lebensgefahr in und um Berlin die Flucht durch die Sperranlagen in den Westteil der Stadt".

Zu den abenteuerlichen Fluchtversuchen gehören die Tunnel im Bereich der Bernauer Straße, deren Verlauf heute teilweise an Ort und Stelle markiert sind. Eine Gedenktafel am Haus Schönholzer Straße 7 berichtet vom dort endenden, sogenannten "Tunnel 29", durch den am 14. und 15. September 1962 insgesamt 29 Menschen (daher der Name) die Flucht gelang. Basierend darauf entstand im Jahre 2001 der Spielfilm "Der Tunnel" von Johannes W. Betz (Drehbuch) und Roland Suso Richter (Regie), der in zwei Teilen im Fernsehen ausgestrahlt wurde.

Als spektakulärste Flucht gilt freilich die "Ballonflucht": Am 16. September 1979 konnten die Familien Strelzyk und Wetzel aus Pößneck in Thüringen in einem selbstgebauten Heißluftballon über die innerdeutsche Grenze aus der DDR nach Westdeutschland fliehen. Drei Jahre später verfilmte Regisseur Delbert Mann für Disney die aufsehenerregende Flucht unter dem Titel "Mit dem Wind nach Westen" ("Night Crossing", 1982). Nun hat die Ballonflucht Michael "Bully" Herbig neu verfilmt, der bislang ausnahmslos Komödien gedreht hatte ? seine Westernburleske "Der Schuh des Manitu" (2001) lockte 11,7 Millionen Besucher in die Kinos, womit er mit 65 Millionen Umsatz einer der erfolgreichsten Spielfilme der Nachkriegsgeschichte bleibt. Für seinen achten Kinofilm "Ballon" wechselt Herbig komplett das Fach, und liefert zusammen mit den Drehbuchautoren Kit Hopkins und Thilo Röscheisen einen eng an die geschichtlichen Begebenheiten angelehnten, trotz des bekannten Ausgangs der Geschichte spannungsgeladenen Thriller.

Als Einführung setzt Regisseur Michael Herbig zwei parallel geschnittene Kurzgeschichten ein: Auf der einen Seite die Jugendweihe 1979, an der auch Andreas "Fitscher" Strelzyk (Tilman Döbler), der elfjährige Sohn von Peter (Friedrich Mücke) und Doris Strelzyk (Karoline Schuch), in ihrer kleinen Stadt Pößneck in Thüringen nahe der innerdeutschen Grenze teilnimmt. Auf der anderen Seite wird ein junger Mann bei einem Fluchtversuch von Grenzsoldaten schwer verwundet. Dem Zuschauer wird von Anfang an die Gefährlichkeit vor Augen geführt. Dennoch ist sich die Familie Strelzyk sicher: Ihre Kinder sollen nicht in der Deutschen Demokratischen Republik aufwachsen. Obwohl sie sich gegenüber den Nachbarn, besonders dem Stasimann Erik Baumann (Ronald Kukulies), nichts anmerken lassen, denken sie offensichtlich seit geraumer Zeit an Flucht. Als sie bei der Jugendweihefeier beobachten, wie blaue Ballons nach Westen fliegen, ist offenkundig die Idee für die Fluchtart geboren.

Zusammen mit der befreundeten Familie von Günter (David Kross) und Petra Wetzel (Alicia von Rittberg) bauen sie einen Heißluftballon, mit dem sie über die Grenze fliehen wollen. Der Film führt einen zusätzlichen Konflikt in der zarten Liebesgeschichte zwischen dem 15-jährigen, ältesten Sohn der Familie Strelzyk Frank (Jonas Holdenrieder) und Klara Baumann (Emily Kusche) ein, die dem Jungen den Abschied aus der DDR besonders schwer fallen lässt. Am 3. Juli 1979 ist es soweit. Weil sich die Familie Wetzel in letzter Minute dagegen entscheidet, steigen Peter und Doris Strelzyk allein mit ihren Söhnen Frank und Andreas in die Gondel des Heißluftballons, der sie hinter die etwa 20 Kilometer weiter liegende Grenze bringen soll. Kurz vor der Grenze geht ihnen aber der Treibstoff aus. Der Versuch scheitert.

Überstürzt kehren sie nach Hause zurück. Am Tatort bleiben aber so viele Spuren, dass die Stasi unter Oberstleutnant Seidel (Thomas Kretschmann) den Kreis der Verdächtigen immer mehr einengt. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als buchstäblich die Flucht nach vorne anzutreten. Und diesmal müssen auch die Wetzels dabei sein.

"Ballon" erzählt in hohem Tempo einschließlich der einen oder anderen schnellgeschnittenen Sequenz vom Beschaffen des für die 1 245 Quadratmeter große Hülle nötigen Stoffs, dem Nähen der Hülle sowie weiteren Vorbereitungen. Über die Persönlichkeit der Ehepaare Strelzyk und Wetzel erfährt der Zuschauer kaum etwas, wenn man von Doris Strelzyks Angst absieht, Heimweh zu bekommen. Umso nuancierter wird der von Thomas Kretschmann dargestellte Stasi-Oberstleutnant gezeichnet: Der intelligente und akribisch arbeitende Offizier übt hin und wieder Kritik am System, ohne allerdings das DDR-Regime in Frage zu stellen. Seine Persönlichkeit ragt insbesondere im Kontrast zu dem eher unbedarften, jovialen Erik Baumann heraus. Zusammen mit dem detailgenauen Produktionsdesign verleiht gerade eine solche Figur "Ballon" eine hohe Glaubwürdigkeit.

Übrigens: Der originale Fluchtballon wird ab Mai 2019 im Museum der Bayerischen Geschichte in Regensburg ausgestellt.
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