AUS NÄCHSTER DISTANZ | Shelter
Filmische Qualität:   
Regie: Eran Riklis
Darsteller: Golshifteh Farahani, Neta Riskin, Yehuda Almagor, Doraid Liddawi, David Hamade, August Wittgenstein, Mark Waschke
Land, Jahr: Deutschland, Frankreich, Israel 2017
Laufzeit: 93 Minuten
Genre:
Publikum: ab 16 Jahren
Einschränkungen: --
im Kino: 8/2018


José García
Foto: NFP

Seit dem Spielfilm "Die syrische Braut" beschäftigt sich der 1954 in Jerusalem geborene Filmregisseur Eran Riklis mit dem Leben in seiner Heimat. Die von der Kölner Produktionsfirma "Heimatfilm" mitproduzierten Spielfilme, so etwa "Lemon Tree" und "Mein Herz tanzt"("Dancing Arabs") haben Riklis zu einem der in Europa bekanntesten israelischen Filmregisseure gemacht. Seine mit verschiedenen Preisen ausgezeichneten Filme erzählen anhand eines persönlichen Schicksals sensibel von den alltäglichen Unmenschlichkeiten, welche die politische Situation im Nahen Osten den dort lebenden Menschen abverlangt, sowie von der schwierigen Suche nach Identität in einem Klima der gesellschaftlichen Stigmatisierung.

In seinen Filmen bietet Drehbuchautor und Regisseur Eran Riklis unterschiedliche Perspektiven des Lebens im Nahen Osten. Mit dem nun anlaufenden Spielfilm "Aus nächster Distanz" (Originaltitel: "Shelter") setzt er eine neue Wendung hinzu. Dazu führt Riklis selbst aus: "Dies ist ein weiteres Kapitel in meinem langfristigen Bemühen, die komplexen Probleme des Nahen Ostens intensiver darzustellen, zu verstehen, zu untersuchen und das Publikum damit zu konfrontieren — immer wieder aus einem neuen Blickwinkel und diesmal mit einem Hauch von Geheimnis im Gewand eines Thrillers als kammerspielartige Story, die sich in einem Safehouse entwickelt. In einem sicheren Haus."

Denn "Aus nächster Distanz" gehört als waschechter Agententhriller zu einem Filmgenre, in dem der israelische Filmemacher bislang gar nicht gearbeitet hatte. Im Mittelpunkt stehen zwei Frauen — was für Agentenfilme eher ungewöhnlich, für Eran Riklis freilich die Regel ist: zu seinen Hauptfiguren gehören etwa die von Clara Khoury gespielte, titelgebende syrische Braut oder die von Hiam Abbas verkörperte Witwe Salma in "Lemon Tree". Zwei Frauen, die parallel eingeführt werden: Mona (Golshifteh Farahani) muss aus Beirut in einer Nacht-und-Nebel-Aktion fliehen. Denn sie hatte in der libanesischen Hauptstadt für den Mossad gearbeitet, weswegen ihr die Hisbollah auf den Fersen war. Mona soll eine neue Identität samt plastischer Chirurgie bekommen. Die zwei Wochen Genesung nach der Operation soll sie weit weg vom Nahen Osten, in einem sogenannten sicheren Haus in Hamburg verbringen. Und hier kommt eine zweite Frau ins Spiel: Die eigentlich im Ruhestand lebende Mossad-Agentin Naomi (Neta Riskin) soll in der Zeit auf Mona aufpassen, bis diese nach Kanada ausreisen kann. Dass Naomi ziemlich gut Deutsch kann, hilft ihr bei den wenigen Besorgungen, die sie außerhalb der Wohnung macht. Eine Brille und eine Kette mit Kreuz gehören ebenfalls zur Tarnung.

Zwar zeigt der Film andere Handlungsorte und andere Handelnde: ein Hisbollah-Kommando, das sich nach Hamburg begibt, der Mossad, ja sogar der BND. Der eigentliche Handlungsort bleibt aber die Wohnung, in der die beiden Frauen zwei unendlich lange Wochen "aus nächster Distanz" miteinander verbringen müssen. Für Eran Riklis besteht die große Herausforderung für den Drehbuchautor und Regisseur gerade darin, "auf dem sehr schmalen Grat zwischen der intimen Story der beiden Frauen und dem größeren Spektrum der äußeren Geschichte zu balancieren".

"Aus nächster Nähe" verzichtet nicht darauf, ein "richtiger" Agententhriller zu sein. Dazu zählen genauso überraschende Drehbuchwendungen wie genretypische Stilmittel: spannungsschaffende Musik, ein Telefonanruf, bei dem sich niemand meldet, eine Zufallsbegegnung mit einem Nachbarn, die offene Haustür, wenn Naomi einmal von einer Besorgung zurückkommt ... Riklis schafft "Suspense" und das Gefühl einer brüchigen Sicherheit, ohne auf besondere Effekte setzen zu müssen.

Dennoch: Der Hauptakzent des Filmes liegt auf der Beziehung der beiden Frauen, die sich in der klaustrophobischen Atmosphäre einer Wohnung entwickelt, die von Mona nicht verlassen werden, und aus der Naomi nur selten und lediglich für kurze Augenblicke hinausgehen darf. Obwohl sie eigentlich für ein und dieselbe "Seite" kämpfen, sind sie alles andere als Verbündete. Golshifteh Farahani umgibt ihre Mona mit einer geheimnisvollen Aura, die sie schwer einzuschätzen lässt. Neta Riskin gestaltet Naomi hingegen als pragmatische Macherin mit großer Wandlungsfähigkeit glaubwürdig. Nachdem sich die beiden Frauen eine Zeit lang belauert haben, entdecken sie eine Gemeinsamkeit: Mona vermisst ihren Sohn, den sie bei ihrer Flucht zurücklassen musste. Die Witwe Naomi hingegen versuchte vergebens, schwanger zu werden. Die Verknüpfung der privaten Geschichte mit dem Nahostkonflikt gelingt zwar Riklis nicht immer ganz, weil der Sprung von einem langen Gespräch zu einer eher actionbeladenen Szene ziemlich abrupt geschieht.

Die Mischung aus Agententhriller und Kammerspiel bietet jedoch eine neue Sicht auf einen Konflikt, in dem viel zu viele Parteien eine Rolle spielen wollen, und für den es keine einfachen Lösungen gibt. Eran Riklis gibt nicht vor, irgendeine "Lösung" zu bieten. Indem er den ungewöhnlichen Weg gewählt hat, zwei weibliche Protagonisten in den Mittelpunkt eines Spionagethrillers zu stellen, lädt er indessen den Zuschauer dazu ein, auf den Nahostkonflikt aus einer ungewohnten Sicht zu schauen.
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