DIESES BESCHEUERTE HERZ | Dieses bescheuerte Herz
Filmische Qualität:   
Regie: Marc Rothemund
Darsteller: Elyas M´Barek, Philip Noah Schwarz, Nadine Wrietz, Uwe Preuss, Lisa Bitter, Jürgen Tonkel, Tesha Moon Krieg
Land, Jahr: Deutschland 2017
Laufzeit: 104 Minuten
Genre:
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen: S
im Kino: 12/2017


José García
Foto: Constantin

Immer nur Party. Nachdem Lenny (Elyas M´Barek) das Studium aufgegeben hat, besteht sein Leben aus Feiern. Lenny wohnt in der gediegenen Villa seines Vaters (Uwe Preuss), eines Herzspezialisten, und verschwendet dessen Geld. Nachdem Lenny aus Versehen einen Audi R8 zuhause im Pool versenkt hat, wird es Lennys Vater zu viel. Er droht, seinem Sohn den Geldhahn zuzudrehen — es sei denn, der junge Mann kümmert sich um einen seiner Patienten: Der 15-jährige David (Philip Noah Schwarz), der bei seiner Mutter Betty (Nadine Wrietz) in einer tristen Hochhaussiedlung in München lebt, ist seit seiner Geburt herzkrank. Ob er seinen 16. Geburtstag feiern wird, kann ihm niemand sagen. Lenny gibt nach — was bleibt ihm anders übrig? — und versucht, sich möglichst schnell aus der "Sache" herauszureden. Er hat aber nicht mit der Hartnäckigkeit des Jungen gerechnet. So muss Lenny David bei den Dingen helfen, die der Junge unbedingt noch erleben möchte: coole Klamotten kaufen, einen Sportwagen klauen, solche Sachen. Dabei merkt er schnell, dass Davids Leben an einem seidenen Faden hängt. Außerdem will David jetzt Mädchen kennenlernen, sich verlieben, wie soll Lenny das organisieren?

Frei nach dem gleichnamigen Buch von Lars Amend, in dem der Schriftsteller über seine Erfahrungen mit dem herzkranken, 16-jährigen Daniel Meyer berichtet, erzählen die Drehbuchautoren Maggie Peren und Andi Rogenhagen sowie Regisseur Marc Rothemund die Geschichte einer außergewöhnlichen Freundschaft: "Sie sind wie Brüder. Brüder mit unterschiedlichen Nachnamen", schrieb Raphael Geiger dazu in einer Buchbesprechung für den "Stern" im August 2013.

Die Filmemacher erzählen auf eine eher klassisch-konventionelle Art von einer Annäherung, die für beide Seiten eine neue Welt erschließt. David kann endlich ein halbwegs normales Leben führen, das für ihn auch einige "verrückte" Dinge — etwa Sportwagen fahren — mit einschließt. Der Umgang mit dem Leiden anderer Menschen führt bei Lenny zu einer Läuterung sowie zur längst überfälligen Versöhnung mit seinem auf dem ersten Blick strengen Vater.


Interview mit dem Hauptdarsteller Elyas M´Barek und dem 15-jährigen Philip Noah Schwarz


Hatten Sie vor Drehbeginn das Buch von Lars Amend und Daniel Meyer gelesen?

Elyas M´Barek: Nein, bewusst nicht. Zum einen war das für mich nicht wichtig, denn Lenny hat von nichts eine Ahnung. Ich wollte total unvoreingenommen in die Geschichte gehen. Zum anderen basiert zwar das Drehbuch auf der wahren Geschichte von Lars Amend und Daniel Meyer, aber es handelt sich nicht um eine Verfilmung des Buchs. Das ist wichtig: Lenny ist nicht Lars Amend, der Buchautor. Sonst hätten wir das Drehbuch zusammen mit ihm schreiben müssen.


Wie ist die Beziehung zwischen Lenny und David?

Elyas M´Barek: Lenny behandelt ihn nicht als Behinderten oder Kranken. Normalerweise werden kranke Kinder mit Samthandschuhen angefasst. Lenny behandelt ihn wie einen ganz normalen Jugendlichen. Zumindest im Film funktioniert es: Dadurch kann erst eine Freundschaft entstehen.

Philip Noah Schwarz: Durch die Freundschaft mit Lenny kann David erstmals in seinem Leben auch normale Dinge tun, und teilweise seine Krankheit vergessen.


Lennys Leben bestand bislang eigentlich aus Feiern. Wie ist seine Reaktion, als er nicht nur mit David, sondern auch mit so vielen leidenden Kindern in Berührung kommt?

Elyas M´Barek: Er sieht zum ersten Mal, dass das Leben ernst, kein Spiel ist. Er merkt, dass es nicht darum geht, ein bisschen Zivi zu spielen und dann wieder zu gehen, wenn Papa nicht mehr sauer auf ihn ist. Er merkt, wie krass es eigentlich ist, dass die Kinder wirklich im Hospiz sterben. Vermutlich wird es David irgendwann einmal auch so gehen. Das ist für ihn ein Knackpunkt.


Ist diese Entwicklung der Figur wichtig, damit Sie ein Drehbuch annehmen?

Elyas M´Barek: Ja, natürlich. Es ist der Inhalt jeder guten Komödie, jedes guten Drehbuchs, dass der Held eine Reise durchmacht. Hier fand ich toll, dass sich zwei gegensätzliche Menschen annähern, und sich zwei gegensätzliche Leben auf einmal vereinbaren lassen. Ich fand es eine sehr berührende Geschichte. Diese Entwicklung ist eine Summe aus Vielem: aus dem Tod des kleinen Mädchens, den Narben an Davids Körper, der anstrengenden Mutter ... Es sind alles Dinge, die ihn sehen lassen, dass alles eine andere Dimension hat als er sich vorstellte.


Wie bist Du an die Rolle des David gekommen?

Philip Noah Schwarz: Ich hatte mich bei einer Schauspieler-Agentur gemeldet. Über sie bin ich zum Casting gekommen. Ich habe mich mega gefreut, dass es dann geklappt hat.


Wie hast Du Dich darauf vorbereitet? Hast Du mit Ärzten, mit Betroffenen gesprochen?

Philip Noah Schwarz: Am meisten hat mir geholfen, dass Marc Rothemund mir immer wieder Videos zur Verfügung gestellt hat, die Lars Amend von Daniel Meyer mit seinem Handy gemacht hatte. Mich hat ein Video emotional sehr berührt, als Daniel vor dem Krankenhaus steht, wo er eine Spritze bekommen soll. Daniel schreit herum, weil er nicht in das Krankenhaus will. Damit habe ich mich gut vorbereitet. Elyas M´Barek und Nadine Wrietz, die meine Mutter spielt, haben mir auch super geholfen, mich in meine Rolle hineinzufinden.


In "Dieses bescheuerte Herz" geht es nicht nur um die Beziehung zwischen Lenny und David, sondern auch zwischen Lenny und seinem Vater. Können Sie etwas dazu ausführen?

Elyas M´Barek: Durch die Freundschaft mit David findet auch endlich eine Annäherung zwischen Lenny und seinem Vater statt, die es bislang nicht gab. Im Grunde verändert sich alles in seinem Leben. Es bekommt endlich einen Inhalt. Endlich kann das Gespräch über den Tod der Mutter, das immer anstand, stattfinden. Durch diesen Jungen wendet sich alles in Lennys Leben zum Guten.


Wie war die Beziehung zu den behinderten Kindern, mit denen Ihr gedreht habt?

Philip Noah Schwarz: Wir haben in einem Hospiz gedreht. Da sind wir mit Kindern und Jugendlichen in Berührung gekommen, die körperlich oder geistig behindert sind. Das hat mir sehr geholfen, David authentisch zu spielen.


Nimmst Du jetzt nach dem Film Dein Leben als gesunder Jugendlicher anders wahr?

Philip Noah Schwarz: Ich habe auf jeden Fall durch den Film sehr viel gelernt. Mir ist es klar geworden, was es heißt, mit einer schweren Krankheit zu leben. Man kann zum Beispiel nicht einfach mit einem Freund Fußball spielen gehen oder zur Oma in eine andere Stadt fahren ... Ich mache mir schon meine Gedanken. Ich denke, wie gut es ist, gesund zu sein.
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