ALS PAUL ÜBER DAS MEER KAM | Als Paul über das Meer kam
Filmische Qualität:   
Regie: Jakob Preuss
Darsteller: (Mitwirkender): Paul Nkamani
Land, Jahr: Deutschland 2017
Laufzeit: 97 Minuten
Genre:
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen: --
im Kino: 8/2017


José García
Foto: Weidemann Bros.

Paul Nkamani hat sich aus seiner Heimat Kamerun durch die Sahara bis an die Küste Marokkos durchgeschlagen. In den Wäldern bei Nador in der Nähe des Zauns vor der spanischen Exklave Melilla, der Afrika von Europa trennt, lernt ihn der Filmemacher Jakob Preuss kennen. Paul schafft es auf ein Schlauchboot, das ihn aufs europäische Festland bringt. Die Hälfte seiner Mitreisenden stirbt auf der Überfahrt, Paul überlebt. Der Regisseur sieht die Bilder mit einem entkräfteten und zitternden Paul im Fernsehen. Daraufhin begibt sich Preuss auf die Suche nach Paul, und findet ihn endlich in einem spanischen Rot-Kreuz-Heim wieder. Als der junge Kameruner aufgrund der Wirtschaftskrise in Spanien beschließt, nach Deutschland zu reisen, steht Jakob vor einer wichtigen Entscheidung: Soll er Paul aktiv unterstützen, oder in der Rolle des beobachtenden Filmemachers bleiben?

"Als Paul über das Meer kam — Tagebuch einer Begegnung" erzählt eine ganz persönliche Geschichte, in der nicht nur Pauls Weg von Afrika nach Europa, sondern auch die Suche des Regisseurs nach der ihm angemessenen Rolle im Mittelpunkt steht. Der Dokumentarfilm beleuchtet anhand eines bewegenden Einzelschicksals die verschiedenen Seiten der Migrationsdebatte. Denn der Film zeigt nicht nur die Ursachen der Migration und das Leben der Menschen auf dem teilweise sehr langen Weg nach Europa, sondern auch die Sichtweisen des Grenzschutzes sowie Vorgaben durch das Europäische Asylsystem. Ein Film über ein sehr aktuelles Thema, das in Paul Nkamani ein Gesicht bekommt und dadurch dem Zuschauer besonders nahegeht.

Interview mit Jakob Preuss und Paul Nkamani über den Film "Als Paul über das Meer kam" und über Migration.

Im Film heißt es zu Ihrer ersten Begegnung "Da steht Paul". War das eine zufällige Begegnung? Wie haben Sie sich kennengelernt?

Jakob Preuss: Das Filmprojekt hatte ich bereits 2011 angefangen. Ich war an ganz verschiedenen Plätzen: in Griechenland, der Türkei, Ukraine, in Polen, auf Malta, weil ich einen Episodenfilm an Grenzen machen wollte. Melilla war zunächst nur eine von vielen. Ich habe auf beide Seiten der Grenze geschaut, mit vielen Polizisten der Europäischen Agentur für die Grenz- und Küstenwache Frontex gesprochen. In Melilla fand ich einen sehr spannenden Mikrokosmos: der Zaun, die einzige Landgrenze mit Afrika... Ich konnte in den Wald gehen und auf die Leute stoßen. Im Film sage ich ganz bewusst, plötzlich stand Paul da, als ob es eine Erscheinung, etwas Religiöses wäre. Glaube spielt dabei ohnehin eine wichtige Rolle in der Frage nach dem Schicksal. Da wir keine Drehgenehmigung bekommen hatten, konnten wir lediglich zwei Menschen kleine Mikrofone anheften. Wer sollte sie bekommen? Da war einmal der Chef, Irénée. Dieser meinte, Paul würde auch gerne reden. Paul hat sofort angefangen, den anderen zu sagen, dass sie sich filmen lassen sollten: "Das ist gut für uns". Er hat uns herumgeführt. Deshalb war Paul für mich von Anfang an eine der wichtigen Personen.

Wie haben Sie diese erste Begegnung Ihrerseits erlebt?

Paul Nkamani: Am Anfang war ich etwas misstrauisch. Ich wusste ja nicht, für wen er diesen Film dreht. Ich dachte, vielleicht dreht er für die Polizei. Als Jakob (Preuss) uns erklärte, wofür er den Film machte, habe ich zu ihm gesagt: "Ok, ich kann Dir helfen". Vielleicht ist es auch eine Gelegenheit, dass wir selbst zu Wort kommen. Denn es wird über uns Migranten gesprochen, aber keiner redet über die Gründe, warum wir unsere Heimat verlassen müssen. Es gibt viele Gründe: Krieg, persönliche Probleme, Diktaturen, Tribalismus. Die Leute sind nicht zufrieden mit ihrer Situation. Deswegen verlassen sie ihr Heimatland. Europa ist kein Paradies, aber es ist sicher. Außer der Sicherheit bietet Europa auch viele Möglichkeiten, sich zu entwickeln. Dazu kommt das gute Gesundheitssystem ...

Herr Preuss, Sie sagten vorhin, Melilla sollte eine Episode innerhalb eines "Busfilmes" werden. Wann haben Sie sich entschlossen, einen Film über Paul Nkamani zu machen?

Jakob Preuss: Letztendlich habe ich mich erst im Schneideraum dazu entschlossen. Im Dokumentarfilm entsteht die Dramaturgie wirklich im Schnitt. Lange Zeit wollte ich stärker das "Protagonist-Antagonist-Schema" abbilden: die Menschen, die über die Grenze wollen, und die anderen, die das verhindern wollen. Es gibt manche Dogmatiker im Dokumentarfilm, die sagen: "Wenn Du einen Protagonisten hast, darfst Du ihn nicht verlassen." Aber ich wollte beides zeigen. Die Zuschauer mögen das sehr gerne, auch wenn sich die Theoretiker dagegen sperren.

Zwischendurch haben Sie sich aus den Augen verloren, weil Sie versucht haben, aufs Festland zu kommen. Sie haben sich dann in Tarifa wiedergetroffen. Wie kam es dazu?

Paul Nkamani: Ich bin nach Spanien über Almeria gekommen. Als ich dann nach Tarifa in Abschiebehaft kam, war das Filmprojekt für mich zu Ende. Eines Tages sagte ein Wärter: "Jemand hat angerufen und nach Dir gefragt". Wer kann das sein? Wer weiß, dass ich hier bin?, dachte ich. "Jakob Preuss", sagte er. Die Polizisten ihrerseits fragten misstrauisch: "Wer ist dieser Jakob?" "Was will er von Dir?"

Irgendwann aber bekamen Sie kalte Füße, als Sie Paul Nkamani über die Grenze nach Deutschland bringen sollen. Ist da nicht das Verhältnis Filmemacher-Hauptperson überschritten?

Jakob Preuss: Das ist eine der wichtigsten Fragen im Film: Was ist meine Rolle dabei? Es gibt eine gegenseitige Abhängigkeit. Er hofft, dass ich ihm helfe weiterzukommen. Ich brauche ihn, um meinen Film zu machen. Ich habe überlegt, ob ich Paul wirklich helfe, von Spanien nach Deutschland zu fahren. Ich hatte juristische, aber auch filmethische Bedenken: Darf ich eingreifen? Und wenn ich eingreife, wie komme ich da wieder raus? Das kennt man auch schon von anderen, die helfen wollen, denen es aber irgendwann einmal zuviel wird.

Sie sagen im Film: "Ich kann nicht mit leeren Händen zurück". Was bedeutet das für Sie?

Paul Nkamani: Das bedeutet, dass ich meine Ziele erreichen muss. Drei Viertel unserer Bevölkerung sind unter dreißig. Die Jüngsten sind bei der Arbeitssuche privilegiert. Mit leeren Händen zurückgehen, bedeutet Selbstmord.

Was würden Sie tun, damit die Menschen in Afrika ihre Heimat nicht verlassen müssen?

Paul Nkamani: Ganz einfach: Europäische Firmen müssen in Afrika investieren. Es ist zwar viel Entwicklungshilfe nach Afrika transferiert worden, aber die Bevölkerung sieht dieses Geld nicht. Es muss in Infrastruktur investiert werden. Wo bleibt das Geld? Wie viele Fabriken wurden in den letzten Jahren dort gebaut? Wir haben viele Rohstoffe, aber wir haben keine Technologie. Wir brauchen Bildung, damit mehr Afrikaner solche Technologien beherrschen.

Jakob Preuss: Ich glaube, es gibt kein Rezept, wie man Migration stoppen kann. Durch das, was man Flüchtlingskrise nennt, ist aber ein neues Bewusstsein entstanden. Wir haben zu lange ignoriert, wie sich die Welt und gerade Afrika entwickelt. Die Debatte, wie bekämpft man Fluchtursachen, wird nie die Debatte ersetzen können, wie wir mit Migration umgehen. Denn Migration ist ein Phänomen, das es immer geben wird. Früher sind Menschen aus Europa ausgewandert, heute wollen die Leute nach Europa.
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