texte zum film - Dr. phil. José Garcia - Aachen
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GESTÄNDNIS, DAS

(Das Geständnis) Deutschland, 2015
 
Filmische Qualität:   
Regie: Bernd Michael Lade 
Darsteller: Bernd Michael Lade, Ralf Lindermann, Martin Neuhaus, Thomas Schuch, Jörg Simmat, Torsten Spohn, Maria Simon 
Laufzeit: 112 Minuten
Genre:  
Publikum: ab 16 Jahren 
Einschränkungen:  
 

José García

 

Eine in die Jahre gekommene Schreibmaschine und ein Honecker-Bild - diese zwei Elemente reichen Drehbuchautor, Regisseur, Mit-Produzent und Hauptdarsteller Bernd Michael Lade, um in Ort und Zeit seines Spielfilms "Das Geständnis" einzuführen. Wir befinden uns irgendwo in einer Amtsstube in der späteren DDR. Bald erfährt der Zuschauer Genaueres: Es handelt sich um die "Morduntersuchungskommission" (die im Westen geläufige Bezeichnung "Mordkommission" darf nicht verwendet werden) der DDR-Polizei in Berlin, Alexanderplatz im Juni 1988.

Die Parteigruppe tagt. Was natürlich bedeutet, dass die gesamte Belegschaft tagt. Denn selbstverständlich sind alle Kommissare in der Partei. Sonst wären sie wohl keine Polizeibeamten. Das Interesse an den Tagesordnungspunkten tendiert allerdings bei fast allen gegen Null. Lediglich der Parteisekretär (Torsten Spohn) scheint die Parteiarbeit ernst zu nehmen. Gelangweilt lassen die anderen den von Parolen überbordenden Bericht des letzten Parteitages über sich ergehen. In das von der Gitarre begleitete Kampflied, das mittwochs bei der Parteigruppensitzung gesungen werden muss, stimmen die meisten Anwesenden allzu offensichtlich nur widerwillig ein. Die vom Parteisekretär monierte, überfällige Anfertigung einer Wandzeitung über den heldenhaften Kampf der Genossen in Afghanistan stößt bei dem dafür Ausgesuchten ebenfalls nicht gerade auf Begeisterung.

Mitten in ihrer Parteisitzung schrillt das Diensttelefon. Es wurde eine weibliche Leiche gefunden, inmitten von verstreutem Bargeld und Zigarettenkippen einer westlichen Marke, was für die sozialistische Gesellschaft besonders heikel ist. Denn in der paradiesisch sozialistischen Gesellschaftsordnung darf es keinen Mord geben. Mit den Ermittlungen wird der störrische Micha (Bernd Michael Lade) beauftragt, der ohnehin mit seinen familiären Problemen genug beschäftigt ist. Der General (Wolfgang Hosfeld) macht Micha klar, dass in Wirklichkeit nicht richtig ermittelt werden soll. Denn beim Täter kann es sich nur um einen Feind des Sozialismus handeln. Micha hält sich jedoch nicht an die Vorgaben "von oben". Er ermittelt weiterhin auf eigene Faust, wodurch er sich nicht nur bei der neuen, parteitreuen Leitung, sondern auch bei den eigenen Kollegen unbeliebt macht. Micha setzt es immer mehr zu, dass seine eigentliche Arbeit durch ideologische Vorgaben und undurchsichtige Befehlsstrukturen, in denen auch die Stasi eine Rolle spielt, erschwert, ja unmöglich gemacht wird.

Bernd Michaels Lades Film spielt lediglich in zwei Räumen, dem Versammlungs- und dem Vernehmungsraum. Die kammerspielartige Konstellation und die Art und Weise, wie die Polizisten miteinander umgehen, erinnert etwa an "Die zwölf Geschworenen" ("12 Angry Men", Sidney Lumet 1957). Wie in Lumets Film konzentriert sich der ganze Film auf die Arbeit der Schauspieler. Dazu führt Bernd Michael Lade aus: "Das Geständnis" sei "von vornherein so konzipiert, dass sich der Film ganz auf das Schauspiel konzentrieren sollte. Wir haben auf Beiwerk und Ablenkung verzichtet, was - so glaube ich - sehr geholfen hat, die Spannung unter der Oberfläche sichtbar und spürbar zu machen. Genau diese Atmosphäre ist für mich charakteristisch für die DDR in ihren letzten Tagen. Insofern glaube ich, dass der Film trotz seiner fast schon klaustrophobischen Atmosphäre - oder eben gerade deshalb - ein ganz besonderes Stück Authentizität transportiert, das über das gern gezeigte Tapetenmuster hinausgeht. Der Film zeigt nicht das, wie DDR in meiner Erinnerung aussieht, er ist vielmehr das, wie sich DDR in meiner Erinnerung anfühlt."

Denn bei "Das Geständnis" geht es nicht in erster Linie um die Aufklärung der konkreten Fälle. Bedeutender in Lades Film ist die Art und Weise, wie die Arbeit der "Morduntersuchungskommission" gezeichnet wird. Anhand der Menschen und der Strukturen wird sehr viel über die DDR in ihrer Endphase erzählt. Dadurch sei "ein Sittenbild der DDR" (Bernd Michael Lade) entstanden.

"Das Geständnis" gehört zu den wenigen Filmen, die unabhängig - das heißt ohne öffentliche Mittel - gedreht werden und es ins reguläre Kinoprogramm schaffen. Bernd Michael Lade schrieb nicht nur das Drehbuch nach einer Vorlage von C. Curd und führte dann Regie. Darüber hinaus übernahm er die Produktion zusammen mit seiner Frau Maria Simon, die im Film die Rolle der Geständigen übernimmt, sowie mit Guntram Franke, der in "Das Geständnis" die Kamera führt, mit Michael Kobs - der für Schnitt und Musik verantwortlich zeichnet - und Michael Boehlke. In einem Interview am Rande der Internationalen Hofer Filmtage 2015, bei denen "Das Geständnis" uraufgeführt wurde, sagte Maria Simon, die Entstehungskosten des Filmes beliefen sich auf etwa ein Zehntel der üblichen Produktionskosten für eine "Tatort"- oder "Polizeiruf 110"-Folge. Der Verleih wird allerdings aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) und der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein gefördert.

Inzwischen gibt es viele Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte. "Das Geständnis" fügt insofern eine neue Facette hinzu, als der Zuschauer sie aus einem vollkommen neuen Blickwinkel betrachten kann. Über die Mordfälle hinaus, mit denen sich die "Morduntersuchungskommission" in Berlin, Alexanderplatz konfrontiert sieht, erzählt "Das Geständnis" in seinem Subtext etwas ganz anderes. Lades Film beschreibt eine Gesellschaftsform, die sich in Auflösung befindet, die zerbröckelt.

 

Foto: Aries Images

Im Kino: 6/2016 - Auf DVD: 0/0.